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Daniel Bubel

[Test] - Beholder: Complete Edition

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Während ich im Flur des mehrstöckigen Hauses stehe, höre ich Geräusche aus einer der Wohnungen. Der Mieter aus Wohnung 4 bricht zur Arbeit in die Mine auf. Als ich mir sicher bin, dass die Luft rein ist, öffne ich die Tür dank meines Generalschlüssels und betrete die kleine Wohnung. In den Schränken finden sich verdächtige Gegenstände, unter dem abgenutzten Klavier gar illegale Waren. Ich bringe in jedem Raum eine kleine Kamera an und gehe wieder in den Keller, wo ich mit meiner Familie kostenlos wohne. Als vom Staat eingesetzter Hausmeister ist es meine Pflicht die Bewohner zu überwachen und verdächtige Aktivitäten zu melden. Aber welchen Preis bin ich zu zahlen bereit, nur um meine Familie zu versorgen...? Was wäre, wenn ich eigene Entscheidungen träfe? Oder kann ich mit meinen Taten leben?

 

 

Das sind Fragen, die man sich beim Spielen des Überwachungs-Adventures Beholder, das in einer sogenannten Complete Edition - sprich inklusive des DLCs "Blissful Sleep" - am 16. Januar auch für die PlayStation 4 erscheinen wird, zwangsläufig stellen wird. Denn hier schlüpft man in die Rolle des unerfahrenen Hausmeisters Carl Stein, der mitsamt seiner Familie den Keller eines öffentlichen Gebäudekomplexes bezieht, um sich fortan um die Anliegen der Bewohner zu kümmern. Zumindest nach außen hin soll diese Fassade gewahrt werden, denn wie ein Mitarbeiter des Ministeriums erklärt, besteht die eigentliche Aufgabe darin, die Bewohner zu überwachen und verdächtige Aktivitäten sofort zu melden.

 

Wie in vielen anderen Spielen sieht man sich gefangen in einem totalitären Überwachungsstaat, dessen repressive Maßnahmen angeblich dem Wohl aller dienen, offensichtlich aber Werkzeuge zum Erhalt des Status Quo darstellen. Der Unterschied ist hier allerdings, dass man nicht etwa Teil einer Widerstandsbewegung, nicht der Funke ist, der die Lunte des revolutionären Gedankentums entzündet, sondern das kleinste Zähnrädchen in der Maschinerie. Eines, das jederzeit ersetzt werden kann und dessen Ausfall auszugleichen dem komplexen System keine Mühen bereiten würde.

 

Also beugt man sich dann doch und gerade zu Beginn, innerhalb einer sehr kurzen und wenig aussagekräftigen Tutorial-Mission, die mehr Fragen offen lässt als klärt, fühlt man sich durchaus noch sicher und wähnt sich auf der Seite der Gerechtigkeit, wenngleich einer, wo der Zweck die Mittel heiligt. Aber der überführte Mensch, dessen Wohnung durchsucht, dessen Hab und Gut genauestens unter die Lupe genommen und katalogisiert wird, ist offensichtlich ein Übeltäter, eine Gefahr für die Gesellschaft. Da stört es auch nicht, dass man nach Absenden eines entsprechenden Berichts, in dem man per Knopfdruck ganz einfach die verachtenswerten Sraftaten markiert, dabei zusehen kann, wie das Subjekt von der Staatsmacht abgeführt und unter Schlägen ins Transportmittel befördert wird.

 

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Das Telefon klingelt und das Ministerium meldet sich zu Wort. Lob wird ausgesprochen und man wird dazu aufgefordert die Augen und Ohren offen zu halten. Ruhigen Gewissens kann man sich also seiner Familie zuwenden, die freie Wohnung herrichten lassen, Nachmieter suchen und ein geregeltes Leben führen. Dazu gibt es noch etwas Geld aufs Konto und Reputationspunkte obendrauf. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann... Nein, ganz so einfach ist es nicht, denn hier beginnt das Spiel natürlich erst.

 

Das Ministerium ist noch lange nicht fertig und fordert gar, dass man sich jederzeit bereit halten soll, ans Telefon zu gehen, sollte es denn klingeln. Desweiteren wirkt der Nachbar aus der Wohnung im Erdgeschoss auffällig, seine Hintergrundgeschichte scheint gar erlogen. Man solle ihn beobachten und in wenigen Tagen Bericht erstatten. Was mit seiner Frau passiert, ist dem Staat egal. Der neue Mieter, ein Matrose, reist auffällig oft ins Ausland - die Nachbarn dazu zu befragen oder einen Blick in die Wohnung zu werfen, kann ja auch nicht schaden. Was hier nach simpler Bitte und harmloser Quest klingt, ist innerhalb des Spiels immer mit Ultimaten verknüpft. Die Uhr tickt unaufhörlich und was passiert, wenn man das Ministerium enttäuscht, möchte man besser nicht erfahren. So hat man für eine Aufgabe beispielsweise 20 Tage Zeit, für eine andere stehen weniger oder mehr zur Verfügung. Dass sich Aufgaben überschneiden, passiert dabei auch immer häufiger.

 

Demenstprechend unterhält man sich mit den anderen Mitbewohnern, versucht mehr über deren Tagesabläufe, beziehungsweise Details über die Leben der Anderen zu erfahren und fühlt sich nicht nur die offensichtliche Filmanspielung an die Stasi erinnert. Wie eine Spinne knüpft man ein Informationsnetz, in dem sich die Bewohner des Hauses nur verheddern können. Und sollten sie nicht freiwillig mit den passenden Informationen herausrücken, nutzt man den Generalschlüssel, lugt durch Schlüssellöcher, kauft sich im Shop Kameras unterschiedlicher Qualität oder durchstöbert den Besitz anderer Leute, in der Hoffnung etwas zu finden, womit man sie an den Pranger stellen kann. Per Knopfdruck zoomt man aus dem Anwesen heraus, um den Überblick über alle Aktivitäten zu wahren, oder man öffnet entsprechenden Karteikarten, um Hintergrundinformationen abzurufen und Personen besser denunzieren zu können.

 

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Aber muss man das überhaupt? Natürlich nicht. Immerhin spielen wir einen Menschen, spielen mit dem freiem Willen. Also können wir auch den Bewohnern helfen, ihnen beispielsweise von den Plänen des Ministeriums erzählen, Dokumente besorgen, Personen verstecken oder Beweise verschwinden lassen. Das ist aber wieder mit der Gefahr verknüpft, selbst ins Schussfeld zu geraten. Außerdem hat auch die eigene Familie Bedürfnisse, die Frau braucht beispielsweise einen teuren Topf, der Fernseher ist kaputt, der Sohn braucht Geld für die Uni oder die Tochter wird quengelig, weil ihr Lieblingsteddy verschwunden ist. Klingt harmlos, kostet aber Zeit und/oder Geld.

 

Und spätestens wenn jemand krank wird und man Medikamente respektive eines Arztes bezahlen muss, sieht man sich wieder vor einer der zahlreichen Entscheidungen stehen, die den Spielablauf nachhaltig beeinflussen und letzlich dafür sorgen, dass man eines von vielen unterschiedlichen Enden zu Gesicht bekommt: Bleibt man seiner Linie treu oder liefert man einen der Bewohner ans sprichwörtliche Messer? Immerhin zahlt das Ministerium gut...

 

Beholder wurde von den Warm Lamp Studios mit einer solch boshaften Präzision entwickelt, dass man sich ständig in Situationen befindet, aus denen es keinen richtigen Ausweg zu geben scheint. Stattdessen dreht sich der moralische Kompass andauernd nur im Kreis, während man selbst die Orientierung verliert. Das beginnt schon damit, mit welcher Selbstverständlichkeit man sich fügt, ehe man sich der eigentlichen Freiheiten bewusst wird. Ohnehin ist die Wechselwirkung aus freiem Willen und daraus resultierenden Konsequenzen sehr gut gelungen.

 

So lassen sich Mitbewohner auch einfach erpressen - ein entsprechendes Schreiben ist ähnlich dem Bericht mit wenigen Klicks aufgesetzt - oder man nutzt die ständig neuen Verbote von Seiten der Regierung zu seinem Vorteil. Wenn es in einem Erlass heißt, dass der Besitz von Äpfeln illegal ist, platziert man einfach einen in der Wohnung eines unliebsamen Bewohners. Aber auf jede Aktion folgt auch eine Reaktion. Und diese ist nicht immer absehbar. Bei einem Deal, den ich mit einem Bewohner einging, dessen Waren ich weiter vermittelte, endete der Tag aufgrund meiner Entscheidungen in einem Blutbad. Damit hätte ich womöglich noch leben können, hätte er nicht mich hingerichtet. Nach dem Game Over wurde ich einige Zeit zurückgesetzt und konnte neue Entscheidungen treffen, dennoch kann und wird das Trial & Error-Prinzip den ein oder anderen nerven.

 

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Das Ganze präsentiert sich in einem minimalistischen aber durchaus charmanten Grafikstil mit Cartoonlook. Animationen und Soundeffekte sind gelungen und die Figuren weisen allesamt unterschiedliche Charakteristika auf. Die Menüs sind übersichtlich gestaltet und lassen sich auch bequem mit dem DualShock4 aufrufen und bedienen. Nach etwas Eingewöhnungszeit gehen alle Aktionen leicht von der Hand. Und während der unaufdringliche aber atmosphärisch dichte Soundtrack sowie die sehr gute deutsche Vertonung zu gefallen wissen, sind die  - natürlich ebenfalls deutschsprachigen - Bildschirmtexte von unterschiedlicher Qualität. Die Item-, beziehungsweise Personenbeschreibungen sind damit gar nicht so sehr gemeint (auch wenn es hier einige offensichtliche Mängel gibt), als vielmehr die Texte in Zeitungen oder Flugblättern, die den Zustand der Welt vermitteln sollen. Diese sind beinahe unangenehm plakativ und qualitativ grenzwertig. Darüber läst sich allerdings aufgrund der spielerischen Stärken hinwegsehen.

 

FAZIT

 

Wie man dem Text womöglich anmerkt, hat mich die Beholder: Complete Edition auch über die anständige Spielzeit von knapp 10 Stunden beschäftigt. Es ist ein moralisch komplexer Titel, der die richtigen Fragen aufwirft, aber sich auch nicht dafür schämt einfach Spaß zu machen. Klar, man muss immer ein Auge auf die Zeit haben und einige Aufgaben lassen sich auch nur durch Herumprobieren lösen, aber der daraus resultierende Stress hat mich immer motiviert weiter zu machen. Wer nach dem hauptspiel noch nicht genug hat, kann im DLC in die Haut des vorhergehenden Vermieters schlüpfen. Hier kann man nochmals drei bis vier Stunden einplanen.

 

Übrigens ist besonders ärgerlich, dass das Tutorial so knapp gehalten ist und man sich vieles selbst beibringen muss. Hier hätte man mehr bieten müssen. Darüber täuscht auch nicht der einfachere Trainings-Modus hinweg. Viele Spielmechaniken müssen im späteren Spielverlauf nämlich sitzen, möchte man noch vorankommen. Dass sie nicht erklärt werden, erschwert den Fortschritt enorm.

 

Nichtsdestotrotz hatte ich eine überraschend intensive und eindringliche Zeit mit diesem kleinen Titel, der nur manchmal den Zeigefinger erhebt, einen meist aber relativ frei walten lässt. Ich hätte nicht gedacht, dass mich Orwells alptraumhafte Zukunftsvision eines Tages so gut unterhalten würde.

Infos
Beholder
Publisher: Curve Digital
Entwickler: Warm Lamp Games
Release: 2018-01-15
Zusammenfassung
Beholder bietet ein interessantes Setting und viele Entscheidungsmöglichkeiten samt passender Konsequenzen. Die ernste Geschichte und der düstere Comiclook passen wunderbar zusammen. Zudem sorgt der Zeitdruck dafür, dass man immer fokussiert zu spielen versucht. Moralisch fragwürdige Spionage war noch nie so unterhaltsam - 8/10
Positiv
  • Toller Grafikstil
  • Interessantes Setting
  • Viele unterschiedliche Enden / Wiederspielwert
  • Durchdachte Quests und Zufallsaufgaben
Negativ
  • Trial & Error
  • Tutorial wenig hilfreich
  • Figuren manchmal nicht ansprechbar während Timer abläuft

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Wow, danke für den Test! Immer wieder schön, dass man hier auf solche eher kleineren Titel aufmerksam gemacht wird! Ich schau mir die Release Listen viel zu ungenau an, dass ich dann sowas entdecken würde. Das Spiel merk ich mir und hol ich bei Gelegenheit dann auch :)

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